Ob auf den Sitzungen der Plattform der Religionen (die Freikirchen nehmen daran teil) oder im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich (kurz ÖRKÖ, der Bund der Baptisten hat seit längerem einen Beobachterstatus inne): Um gesellschaftlich und politisch sichtbar zu sein und Einfluss nehmen zu können, scheint ein Vernetzen zwischen den Religionen sinnvoll. Doch wo stoßen wir an Grenzen? Mit welchen Themen kann man gemeinsam an einem Strang ziehen und wo sind die Unterschiede zu groß?

Ende Mai entsandte der Rat der Freikirchen in Österreich Pastor Edwin Jung, ehemaliger Präses des Bundes FCGÖ/neu BPF und vormals Ratsmitglied und Vorsitzender des Rates, zu einer religionsrechtlichen Tagung nach Innsbruck. Das Thema der beiden Tage in den Räumlichkeiten der Katholisch-Theologischen Fakultät: Miteinander – mit Staat und Gesellschaft – im interreligiösen Kontext.

Ein Titel, den man sich durchaus zweimal durchlesen darf, um die unterschiedlichen Facetten zu begreifen, die dieses Thema mit sich bringt und welche von insgesamt 17 Referierenden erläutert wurden. Neben Edwin Jung als Vertreter der Freikirchen in Österreich waren unter anderem Vertretende der anerkannten (alt)katholischen, evangelischen, islamischen und neuapostolischen Kirche als auch Persönlichkeiten aus den religiösen Bekenntnisgemeinschaften anwesend, wie die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten, die alevitische und die Sikh Glaubensgemeinschaft. Ziel war darzustellen, inwieweit Kirchen und Religionsgemeinschaften heute untereinander kooperieren, mit Staat und Gesellschaft Gespräche führen und im liturgischen Bereich zusammenarbeiten.

Um für seinen Vortrag ein authentisches Bild zu zeigen, lud Edwin Jung zwei Monate lang Personen in Leitungsfunktionen der Freikirchen in Österreich dazu ein, einige Fragen zu beantworten und trug folgende Ergebnisse auf der Tagung in Innsbruck vor:

  • 50% der Befragten gaben an, in ihrem lokalen Umfeld keine Erfahrungen im interreligiösen Dialog zu haben.
  • 43,7% der Befragten gaben an, positive Erfahrungen im interreligiösen Dialog gemacht zu haben.
  • Als größter Dialogpartner im interreligiösen Kontext wird die islamische Religionsgemeinschaft genannt.
  • Die Dialoge finden mehr zum persönlichen Austausch statt, weniger in Arbeitskreisen oder auf theologischer Basis. Mit Ausnahme des Bundes des Baptisten, die intereligiösen Dialog bereits länger gesucht und gefördert haben.
  • Rund 40% der Befragten machten gute bis sehr gute Lernerfahrungen im interreligiösen Dialog, vor allem der gegenseitige, aus dem Dialog erwachsende Respekt wurde hervorgehoben.
  • Rund 18% äußern sich eher skeptisch gegenüber interreligiösen Begegnungen und 8,3% wollen dezidiert keine interreligiöse Begegnung.

Auch sprach Edwin Jung die 2019 vom Schulamt der Freikirchen erstellte Empfehlung für „Interkonfessionelle, multireligiöse und interreligiöse Zusammenarbeit im freikirchlichen Religionsunterricht“ an, da sich im Schulalltag täglich Berührungspunkte zwischen unterschiedlichen Religionen ergeben und gerade dort ein sensibles Hinhören viel bewirken kann.

Klar unterstreicht er in seinem Vortrag die unumstößliche Grundwahrheit, an der die Freikirchen in Österreich stets festhalten werden und die sich auf Johannes 14:6 stützt: Jesus Christus als den einzigen Weg zum Vater, den einen, allmächtigen Gott der Bibel, der durch den stellvertretenden Opfertod das ewige Leben gebracht hat. Nach dem freikirchlichen Verständnis gibt es nur einen Weg zu Gott und das ist der Glaube an Jesus Christus. Unsere Aufgabe sehen wir darin – so wie auch im Artikel II 4 der Charta Oecumenica beschrieben – das Evangelium durch Wort und Tat zu bezeugen, die Frohe Botschaft nicht in Konkurrenz gegeneinander, sondern gemeinsam zu verbreiten.

Abschließend zitiert Edwin Jung einen Teilnehmenden der Umfrage mit folgenden Worten: „Ich habe gelernt, Menschen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen mit Respekt zu begegnen und besser zu verstehen, wie wichtig gegenseitiger Respekt um klare Kommunikation und friedliches Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft sind.“

Demnach bleiben Wertschätzung für jeden Menschen gemeinsam mit dem tiefen Bewusstsein der Einzigartigkeit des christlichen Glaubens und der Wunsch, dass auch in Zukunft die Religionen in ihrer Vielfalt sichtbar bleiben dürfen und sich sowohl auf politischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene weiterhin für den Frieden untereinander einsetzen können.